Tja, was soll ich Euch sagen, der kleine Braune hatte es mal richtig nötig. In letzter Zeit klang er schlapp und sehr lustlos - stand nur noch unbeteiligt in der Ecke herum.

Jörgs Vitalisierungsprogramm sollte ihn wieder ganz nach vorne bringen.

Darum haben wir erst mal furchtbar lange telefoniert :-)


Aber lasst mal den Captain erzählen.

 

63er Deluxe Amp - brown Tolex


„Sag mal, mein brauner Deluxe klingt irgendwie nicht so toll wie mein Blackface Vibrolux, was kann das sein?“


So kam der Stein ins Rollen und nachdem endlich ein Oxford Speaker aus dem gleichen Jahr als Ersatz für den verirrten Celestion G12M gefunden war, hat Norbert den Amp eingepackt und zu mir geschickt.



Also erst mal Bestandsaufnahme:

Trafos sind ok, Netztrafo aus der 24. Woche 1962, Ausgangsübertrager 7. Woche 1963.


Also ist der Amp ein früher 63er.


Aber bei den Elkos war schon mal jemand dran.


Muss wohl Anfang der Achtziger gewesen sein, die orangefarbenen Sprague Atom Elkos sind von 1983. Und offenbar gab’s da noch Restposten alter Astron Caps, wie sonst käme der Elko aus 1967 in diesen Verstärker?

Das ist nicht weiter schlimm, nur die Lötstellen sind nicht die allerschönsten. Hält aber trotzdem schon knapp 30 Jahre.

Der Rest ist sehr lecker

und eigentlich unberührt.


Eigentlich.


Bis auf den Umspanntrafo, unten links im Gehäuse, der das Mitschleppen eines Spannungswandlers auf 117V erübrigen soll. Das sagt uns, dass dieser Deluxe ein Domestic Modell war und erst später seinen Weg nach Deutschland gefunden hat.

Alles nichts Wildes, bis auf eine Kleinigkeit:

Man braucht drei Strippen zum Vorschalttrafo in der hier verwendeten Sparschaltung. Und das 3x1²mm Kabel ist auch ok, nur hat der Eisenkern des Trafos selbst keinen Schutzleiteranschluss. Das ist so lange kein Problem, solange kein Fehler auftritt. Wenn aber im Fehlerfall ein Kurzschluss zum Eisenkern entsteht liegen da irgendwas zwischen 110V und 230V am Trafo an und ich spiel doch so ungern auf Beerdigungen.

Also verlegen wir noch ein zusätzliches Kabel und erden den Trafo vorschriftsmäßig.

Das VDE-Testgerät gibt dann auch grünes Licht, sowohl fürs Chassis als auch für den Trafo.

Dann gibt es noch eine zweite Hürde mit Vorschalttrafos.

Die Netzspannung in den USA hat sich von 110V über 117V auf 120V verändert.

Wann genau die Umstellungen stattgefunden haben weiß ich leider nicht.

Außerdem wurde die Netzspannung bei uns, vor ein paar Jahren, von 220V auf 230V umgestellt.


Das ergibt einige Kombinationsmöglichkeiten, je nachdem aus welcher Zeit der Votschalttrafo stammt. Einige sind ungesund. Wenn der Trafo z.B. aus 220V 120V macht und wir benutzen ihn an einem Fender Tweed Amp aus den frühen 50gern, dann erzeugt der Trafo heute 125V, der Verstärker braucht aber nur 110V, das sind dann fast 23% zu viel. Die Heizung läuft dann statt mit 6,3V mit 7,73V, nicht gut!


Also messen wir bei solchen Umbauten IMMER die Heizspannung. Ich stelle meinen Regel-Trenntrafo auf 230V am Eingang und messe die Heizspannung: 6,23V sind im gesunden Bereich.

Alles ok !

Bei der optischen Durchsicht fällt mir gleich was auf:

Die Ausgangsbuchse hat einen Schaltkontakt, der verhindern soll, dass der Verstärker im Leerlauf arbeitet wenn kein Lautsprecher angesteckt ist.

Der Kontakt macht ohne Stecker einen Kurzschluss am Ausgang. Das ist gesünder für den Verstärker, denn im Leerlauf entstehen sehr hohe Spannungen im Ausgangsübertrager, die zu Überschlägen in der Wicklung führen können.

Hier ist der Kontakt aber verbogen. Mit einer kleinen Flachzange ist das Problem schnell behoben.

Bevor ich den Amp in Betrieb nehme wende ich mich noch den Röhren zu, messe erst mal die Emissionswerte und trage sie ins Protokoll ein.

Alle Vorstufenröhren unter 10 und alle Endstufenröhren unter 70 sind verbraucht und sollten ersetzt werden.

Das sieht hier nicht so toll aus, nur die Sylvania und die GZ34 sind noch fit, alle anderen Röhren müssen raus.

Die Endstufenröhren messe ich nochmal im Amp und schau mir die Ruheströme, die Ströme bei Vollaussteuerung und die Ausgangsleistung an.

20,0mA und 21,1mA sind bezüglich des Matchings recht gute Werte. Aber bei Vollaussteuerung erreichen sie nur 47mA und die Ausgangsspannung an 8Ohm beträgt nur 28Vss. Das sind magere 12Watt.


Also flugs ein NOS Pärchen 6V6GT reingesteckt und siehe da: der maximale Strom liegt jetzt bei 62mA und die Ausgangsspannung bei 35Vss. Das sind 19Watt, schon besser!


Der Ruhestrom liegt allerdings bei 38,2mA und 38,5mA, deutlich zu hoch. Das ist ja kein Class A Verstärker.


Da die 6G3 Schaltung ein Biastremolo hat gibt’s hier kein Biaspotentiometer. Also muss der 100k  Widerstand verkleinert werden. Mehr negative Gittervorspannung ergibt einen niedrigeren Ruhestrom. Bei 82k stellt er sich auf 26,3mA und 27,3mA ein.

Die Kontrolle am Oszilloskop zeigt keine Übernahmeverzerrungen bei Vollaussteuerung, also alles prima mit dem Bias.


Jetzt braten die neuen Lampen erst mal eine Stunde bei Nennlast und dann wird der Bias nochmal nachgemessen.


In der Zwischenzeit kümmere ich mich um den Einbau des Oxford Speakers.


Zwei der vier Schrauben drehen durch und man hat keine Chance die Mutter festzudrehen.

Mit einem kleinen Fräser entferne ich ein bisschen Holz um die Schraube. Nicht rundherum sondern eher Sternförmig. Dann wird ein guter 2-Komonenten-Kleber angemischt und der Krater bündig verschlossen. Damit kein Kleber auf die Frontbespannung tropft lege ich ein Brettchen unter.


Am nächsten Tag halten die Schrauben bombenfest.


So, Speaker rein, Gitarre angesteckt, Soundcheck.


Zunächst überrascht die Zerrfeudigkeit des Kandidaten. Ab 3 cruncht er schon recht fett und ab 5 klingt er mehr nach Marshall als nach Fender.


Zuviel des Guten. Da müssen andere Vorstufenröhren rein, zwei der mitgelieferten Röhren sind eh hinüber.


Zur Auswahl stehen eine General Electrics 12AX7WA, eine Fender RCA 7025, eine Philips 5751 und eine General Electrics 5751, alle NOS oder gute gebrauchte Exemplare.

Die 5751 hat nur ca. 70% der Verstärkung einer 12AX7, und genau das braucht der Deluxe.


Nach einigen Versuchen entscheide ich mich für die Philips als V1 und die RCA als V2. Die mitgelieferte Sylvania ist zwar ein bisschen mikrofonisch aber gut genug als Phasendreher.


Insgesamt gefällt mir der Sound jedoch noch nicht. Irgendwie sind die Bässe zu flach und undynamisch. Das hatte Norbert auch schon bemängelt.

Als Fehlerquelle sind schnell die Kathodenelkos in der Vorstufe bestätigt.

Ein zusätzlich eingelöteter neuer Elko bringt das gewünschte Ergebnis.



Da der Norbert die Arbeiten gern bestmöglich erledigt haben möchte, entferne ich die alten Elkos aus ihrer Papierhülle und baue die neuen Elkos in die alten Hüllen ein.


(vlnr): Alt -> zerlegt -> neu.



Und am Ende sieht alles aus wie vorher.

Nur die knackigen Bässe verraten den Umbau.


Natürlich ersetze ich den Elko der Biasspannungserzeugung in gleicher Weise. Der ist genauso alt und wahrscheinlich genauso krank.





Gain runter, Bässe rein, der Verstärker ist jetzt soweit fit.


So ganz überzeugt mich der Oxford aus einem 63er Bassman Kabinett noch nicht.

Bei höheren Lautstärken erzeugt er eine unschöne Verzerrung, Gerald Weber bezeichnet das als Cone Cry.

Der Lautsprecher scheint mir nicht steif genug. Die Membran macht einen sehr großen Hub, wenn man tiefe Töne knackig anschlägt.


In der geschlossenen Bassman Box wird der Lautsprecher im Hub bedämpft, im offenen Gehäuse nicht.

Ein testweise angeschlossener Weber Lautsprecher meines Fender MusicMaster Amp beweist, dass es am Oxford liegt.


Um einen neuen Lautsprecher kümmert sich Norbert selbst. Von meiner Seite ist der Brownie ok und bereit, seinem Besitzer die nächsten Jahre reichlich Freude zu bescheren.


Wie immer gilt: Wer nicht weiß auf welcher Seite der Lötkolben heiß wird und wer Ampere nicht von Hektopascal unterscheiden kann hat in einem Gerät mit 400V nichts verloren!


Roll On!

Captain




www.captain-koerg.de