Die Party geht auch in unserer Oktober-Ausgabe weiter. Wieder ist es uns gelungen eine dieser sagenumwobenen 61er Strats in sunburst zu fotografieren und einem Test zu unterziehen. Eines möchte ich schon vorab los werden - ein bewegendes Event !

61er Fender Stratocaster - sunburst

Schon seit langen bearbeite ich einen guten Bekannten, mir seine 61er für einen ausgiebigen Foto- und Testtermin zu überlassen. Die Chancen standen stets schlecht, denn er winkte immer ab, wenn ich diesen Wunsch äußerte und meinte „keine Chance - die geb ich nie aus der Hand“.

Ende August bekam ich dann einen völlig unerwarteten Anruf. Während des Gespräches bot  mir der Gute (möchte hier namentlich nicht genannt werden) doch tatsächlich seine „große Liebe“ - ja, so nennt er (noch immer ledig) die alte Stratocaster, zum ausgiebigen Test an.

„Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst“, so seine drohenden Worte. Ich wusste sofort was er damit meinte und versprach ihm mit äußerster Vorsicht und viel Sorgfalt ans Werk zu gehen. Schon 2 Tage später stand die Gitarre bei mir. Leider nicht sehr lange.

Body


Es ist schon ein Augenschmaus dieses Klangwunder zu betrachten und zu untersuchen.

Diese Gitarre wurde wohl nie besonders vorsichtig behandelt. Die Oberfläche des Bodies zeugt mit unzähligen Kratzern und Macken von einer bewegten und wahrlich aufreibenden Geschichte. Wir kennen diese bewegte Optik von vielen Star-Gitarren aus jenen Jahren. Ein wesentlicher Grund hierfür - die sehr dünnen Lackschichten, die diese Gitarren  auszeichnen.

Das leuchtende Rot der Sunburstlackierung gilt als eines der Erkennungszeichen dieser Gitarren. Der wunderbar geformte Erlebody ist unglaublich leicht. Im Federfach ist ein weiteres handschriftliches Datum zu finden. Auch der Body wurde im Dezember 1961 hergestellt.

Pickguard - Elektrik - Bridge


Wie viele Strats aus jenen Jahren, kann diese Strat ocer besser ihr Greenguard nicht verbergen, dass div. Verbesserungsversuche an ihr vorgenommen wurden. Knapp oberhalb des Tonwahlschalters befindet sich ein fachmännisch verschlossenes Loch, durch das mit Sicherheit ein weiterer Schalter oder Poti geführt wurde - vielleicht um die Zwischenpositionen zu schalten. Ansonsten befindet sich das Pickguard in einem sehr guten Originalzustand. Interessant ist, dass ich im Laufe meiner Untersuchungen schon viele durchbohrte Pickguards gesehen habe, die an den oberen Befestigungsschrauben nicht gerissen oder gebrochen waren. An diesem Greenguard is glücklicherweise auch kein Riss.

Bedächtig öffnete ich nun die originalen Pickguardschrauben, um mir die Elektrik vorzunehmen.

Um gleich mal die Spannung zu nehmen - natürlich alles original. Auch die Schaltung befindet sich im Originalzustand. Sauber verlötete Potis und Pickups lassen den Schluss zu, dass hier niie bösartig gerührt wurde.

Pickups mit „Black Bobbins“. Gefedert durch die rundlichen, beigen Gummis.

Bei der Messung der Pickups ermittelten wir folgende Werte: Neck - 6,0, Middle 6,0, Bridge 6,1.

Potis mit Produktionsdatum: 43. Woche 1961 - hergestellt von Stackpole

Schade - ich wurde in der 41. Woche geboren. Naja man kann nicht alles haben :-)

Originaler Tonwahlschalter.


Ich war hellauf begeistert !

Ehrfürchtig nahm ich das seltene Instrument aus dem Koffer, inspizierte jeden Quadratzentimeter, untersuchte jeden Kratzer, jede Schraube, bevor ich nach knapp einer Stunde ausgiebiger, voyeuristischer Hingabe die erste Saite vorsichtig zupfte. Just in diesem Moment bemerkte ich das Beben und Schütteln, das sich dabei energisch durch die gesamte Gitarre schob. Eine unglaubliche Ansprache, die ich bislang nur von Strats aus den späten 50er Jahren kannte. Dann diese Klangentwicklung. Die Entstehung singender Obertöne, die in Mark und Bein übergingen. Und das  bereits beim trockenen anspielen. Ich war hin und weg.

Immer wieder gingen mir die Umschreibungen vieler Stratsammler durch den Kopf. Hat man erst mal solch ein Kaliber in der Hand, dann weiss man auch, dass Aussagen wie - Kaiserbaujahr - oder - das beste, was Leo gebaut hat - nicht aus der Luft gegriffen sind. Verstärkt durch einen alten 64er Concert multiplizierte sich dieser Eindruck um ein Vielfaches. Diese Strat singt zunächst zuckersüß, bläßt dann bei härterer Gangart ordentlich Leben in den Amp, der alles brav wiedergibt. Die grandiose Dynamik dieses Instrumentes runden das mehr als nur positiv zu wertende Gesamtbild ab. Verschieden starke Anschläge führen zu völlig unterschiedlichen Klangbildern. Die hervorragend arbeitenden Potis bieten zusätzliche Möglichkeiten ohne hörbare Verluste.

All dies erhöhte meine Neugier. Ich wollte nun endlich wissen,

was mich im Innern des guten Stückes erwartete.

Alles Original ?


Der Hals


Vorsichtig und mit gespitzten Ohren öffnete ich die Halsschrauben. Ein kerniges Knacken - Beleg für eine ordentliche Verbindung zwischen Body und Hals und lange ungeöffneter Schrauben - erreichten unüberhörbar meine Gehörgänge.

Klar ein fettes Rio-Palisander-Board thronte auf dem gar nicht so dicken D-Profil-Ahornhals. Erwähnenswert, dass das Griffbrett gar nicht dunkel ist. Eher rötlich fein durchzogen von schmalen schwarz-dunkelbraunen Linien.

Am Halsende ist ein handschriftlich aufgebrachtes Datum erkennbar: 12-61. Dezember 1961.

Ich erwischte mich dabei, wie ich schon wieder in der Geschichte schwelgte - Mauerbau, in den deutschen Kinos lief „Haie der Großstadt“ an, und Nana Mouskouri führte mit ihren wei0en Rosen aus Athen die deutschen Musikcharts an :-). Das waren noch Zeiten.

Clay Dots - am 12 Bund natürlich mit breiteren Abstand als später üblich.

Auf der schmalen Kopfplatte befindet sich das filigrane Spaghetti-Logo mit den beiden Patentnummern „ 2.573.254 und 2.741.146“  Darüber sitzen die vernickelten Single-Line-Klusons. Nachdem ich auch die mit äußerster Vorsicht entfernt hatte, kam das obligatorische Toolhole neben der „D-Tuner-Bohrung“ ans Tageslicht. Alles so, wie einst von Leo erdacht und von seinen Leuten  in Fullerton umgesetzt.


Auch die Bridge befindet sich im Originalzustand. Kein Saitenreiter wurde verändert. Ein echtes Stück

Rock n Roll Geschichte also.


Ach ja, das Gewicht. Gerade mal 3,2 kg. zeigte die digitale Küchenwaage meiner Frau an. WOW !


Nachdem ich alles vermessen hatte, das Griffbrett geölt, baute ich die Gitarre wieder zusammen. Kaum hatte ich die neuen Saiten drauf, klingelte es schon an der Haustür. Ein Blick aus dem Fenster brachte micht ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wir mussten uns schon wieder trennen. Sie und ich. Diese Welt ist doch so grausam.



Links:


http://www.rorygallagher.com/#    1961    Katalog 1961   

Pickguards    61er Koffer brown    61er Case brown Tolex   

Insider Dots    Insider Poti-Codes    Tunerkunde Klusons 1954 bis 1967

PU 61

61er sb



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